Die Lehren jener sportlichen Kämpfe sprachen eine viel zu eindringliche Sprache, als daß sie einfach übergangen werden
konnten.
Bezogen auf das Rennkajak lauteten sie sehr eindringlich
dahin, laß wir in Deutschland von unseren Glattwasser-Rennkajaks mit
ihrer unbeschränkten Länge Abstand nehmen müssen, falls wir uns in
Zukunft mit Erfolg an den internationalen Kajakrennen beteiligen
wollen. Einige Vergleichsrennen haben zwar gezeigt, daß unsere
längeren und schärferen Rennkajaks den kürzeren, nach internationalem Maß nur 5,20 m langen schwedischen Rennkajaks auf geschützter, windstiller Bahn überlegen sind, daß sie aber auf
bewegtem, offenen Wasser bei etwas Seegang oder Dünung dem
schwedischen Typ infolge der geringeren Stabilität und des kürzeren
Vorschiffes stark unterlegen sind. Das kurze, scharfe Vorschiff des
damaligen deutschen Rennkajaks steckte schon bei mäßigem Wellengang
die Nase in die anlaufenden Wellen, während das ebenfalls sehr
schlanke Hinterschiff dann höher herausragte und so dem Winde viel
Angriffsfläche bot. Im Gegensatz dazu passen sich die Kajaks der
Schweden dem im offenen Wasser herrschenden Wellengang und den
dortigen Windverhältnissen besser an. Sie sind stabiler in der
Spantform, besitzen vor allen Dingen ein langes, federndes Vorschiff,
daß trotz der Schärfe seiner Konstruktions-Wasserlinie infolge seines
völligeren Deckverlaufes in der Dünung nicht unterschneidet, sondern
von den heranrollenden Wellen emporgehoben wird. An dem guten
Verhalten dieser Kajaks im Seegang ist auch der verhältnismäßig hohe
Freibord im Vorschiff und das durch den völligeren Decksverlauf
erzielte große Reserve-Deplacement des Oberwasserschiffes mit
beteiligt. Hinten laufen die Linien der schwedischen Kajaks ziemlich
völlig ln ein flaches Achterschiff aus. Der Depl Ä und damit der Sitz
der Kajakfahrer liegt beträchtlich weiter hinter der Bootsmitte, als es bei den deutschen Kajaks der Fall ist. Dieser Umstand trägt besonders zur Erzielung des langen, elastischen Vorschiffes der schwedischen Kajaks mit bei. Die in Deutschland neuerdings nach einem längst verflossenen, englischen Vorbild wieder hervorgekramte sogenannte Fischform, jetzt etwas umfrisiert mit Tropfenform bezeichnet, mit dickem, plumpen Kopf und fein verlaufenden Linien im Achterschiff; eine Form, die teilweise auch zur umgekehrten Tetraederform (Doppelkeilform) ausgeartet ist, steht in krassem Gegensatz zu dem erfolgreichen und erprobten Schwedentyp, da die Anwendung dieser Tropfenform dazu zwingt, den Sitz des Kajakfahrers wegen. der vorderlichen Lage des Depl Ä vor die Bootsmitte zu legen.
Die im Flugzeugbau so bewährte Tropfenform, arbeitet dort eben unter ganz anderen Verhältnissen. Ein Flugzeug, dessen einzelne Konstruktionsteile sämtlich dieser Form entsprechen, ist ganz von Luft umspült. Ein Kajak hat es aber nur zur Hälfte mit dem Wasser und zur anderen mit der Luft zu tun; Zudem muß es sich noch mit der oft nicht unbeträchtlichen Einwirkung der bewegten Wasseroberfläche auf den Oberwasserteil des Bootsrumpfes abfinden.
Auch das Gewicht des rennfertigen Kajaks spielt eine große Rolle; allerdings eine nicht ganz so große, wie das jeweils in Frage kommende absolute, Körpergewicht des Kajakfahrers und vor allen. Dingen, wie das Verhältnis der Muskelkraft zum Körpergewicht~ Nehmen wir zwei in Form, Linienführung und Gewicht völlig gleiche Kajaks an, setzen wir ferner zwei Kajakfahrer da hinein, deren Ausbildung und Technik einander völlig gleichwertig ist; der eine soll aber ein Körpergewicht von 65 kg besitzen, der andere ein solches von 81 kg, so wird unzweifelhaft der erstere als Sieger aus dem Zweikampf hervorgehen. Nehmen wir ferner an, daß das Gewicht der beiden Rennkajaks je 16 kg beträgt, so hat der erste Kajakfahrer insgesamt 81 kg, der zweite aber 97 kg mit derselben verfügbaren Antriebskraft (Antriebskraft ist hier mechanisch ausgedrückt das Produkt aus Muskelkraft und Technik) durch das Wasser zu treiben. Gerade in diesem Punkt, nicht nur allein in ihrer besseren Paddeltechnik, waren die Schweden wohl ihren deutschen Mitbewerbern bislang überlegen. Ihre Siege werden nicht nur in ihrem etwas besseren Bootsmaterial und ihrer unzweifelhaft überlegenen Technik zu suchen sein, sondern waren auch darin begründet, daß sie besser durchtrainierte, muskelkräftigere Körper von gleichem oder geringeren Gewicht als die deutschen Fahrer aufzuweisen hatten.
Es sind also hauptsächlich drei Faktoren: das Boot, die Technik und e~n gut durchtrainierter Körper in Verbindung mit zähem Willen zum Sieg; die, miteinander im Einklang stehend, bei den Kajakrennen den Ausschlag geben.
Ferner haben unsere nordischen Freunde mit den von uns für Rennzwecke ebenfalls verwendeten 2,65 bis 2,90 m langen Paddeln gebrochen. Das schwedische Paddel für Rennzwecke ist nur 2,40 In lang, dementsprer:;hend ist auch die Technik der Fahrer eine andere <217> wie bei uns; ihre Schlagzahl beträgt im Mittel etwa 85 bis 90 pro Minute und steigert sich im Endspurt noch um einiges. Die Schlagzahl des I.R.K.-Meisters von 1924, KarIsson, betrug 92 pro Minute. Des mangelnden Raumes halber ist es hier nicht möglich, alle in Frage kommenden Einzelheiten so ausführlich darzulegen, wie ich es zur erschöpfenden Behandlung der Rennkajak-Frage für nötig halte. Ich habe sie deswegen nur in ihren Grundzügen erörtert und verweise in Ergänzung derselben auf den Aufsatz von Franz Reinicke im "Kanusport", 4. Jahrgang; Nr. 27 vom 23. August, Seite 390 bis 391, der einen ausführlichen und schätzenswerten Beitrag zur Rennkajakfrage darstellt. Ebenfalls von hohem Wert für den Kajakfahrer sind die Aufsätze von Eddelbüttel, Hamburg, über deutsche und schwedische Rennkajaks, über die Gotenburg-Kampfwoche, über die Wissenschaft des Kanadierfahrens usw., die ebenfalls im "Kanusport", im vierten und fünften Jahrgang, erschienen sind.
Fig. 262 und 263 stellen den bisher unveröffentlichten Riß eines modernen, deutschen Rennkajaks dar. Der Konstrukteur hat bei diesem Entwurf die Erfahrungen der letzten Jahre im Kanubau durchaus berücksichtigt. Diesen Riß aber als den unter allen Umständen besten darzustellen und unterschiedslos für jeden Kajakfahrer, ob groß oder klein als am geeignetesten zu bezeichnen, wäre falsch. Er ist zur Hauptsache für bewegtes Wasser bestimmt und weniger für glattes Wasser geeignet. Er ist auch nur für mittelschwere Kajakfahrer gezeichnet. Für schwere Personen über 75 kg ist er also nicht mehr brauchbar. Aber gerade gegen Überlastung ist das sensible Rennkajak außerordentlich empfindlich. Ein starker und schwerer Rennfahrer braucht entsprechend seinem hohen Gewicht ein im Spant noch etwas völligeres und breiteres Kajak.
| Länge über Alles | 5,20m |
| ....i. d. CWL. | 4,94m |
| Gr.Breite | 0,51m |
| BWL. | 0,47m |
| Seitenhöhe mittschiffs | 0,21 m |
| Tiefgang | 0,09m |
| Freibord | 0,12m |
| Gewicht | 14 bis 17kg |
Dollbaum: weiße Kiefer = 20x10; in einem Stück durchlaufend.
Decksbalken: weiße Kiefer, 9 mm dick; Wölbung, siehe Seitenriß und Spant-Querschnitt.
Deck: aus Leinewand gefertigt und über je drei längslaufende Leisten gespannt. Mittelleiste aus Kiefer = 20x9, die beiden seitlichen Leisten = 18x6.
Plichtschlinge: aus Kiefer = 9 mm dick.
Plichtreeling: aus Gaboon = 6 mm dick und dampfgebogen.


In Fig. 265 bis 267 sehen wir den von Högborg entworfenen Riß eines der neu esten schwedischen Rennkajaks. Auch diese Zeichnung erscheint in der Fachliteratur erstmalig. Högborg teilt erläuternd dazu mit, daß er auf den Entwurf große Sorgfalt verwandt habe und daher mit Bestimmtheit ein gutes Abschneiden dieses Rennkajaks erwarte. Es soll daher dieser schwedische Riß jedem Kajakfahrer zum Studium empfDhlen sein.
Die Bauweise des Högborgschen Rennkajaks. wie auch der großen Mehrzahl der von schwedischen Amateuren hergestellten Rennpaddelkajaks, gleicht völlig der des in Fig. 262 bis 263 beschriebenen Rennkajaks. Weit mehr als bei uns stellt man die Rennkajaks in Schweden im Selbstbau her. Die Kosten eines solchen Kajaks
stellen sich auf kaum 100 Kronen, während das fertig gekaufte Rennkajak in Schweden etwa 175 Kronen kostet.
Für den in Schweden außerordentlich verbreiteten Selbstbau von Paddel- und Segelkajaks erhält man die Zeichnung des Spantenrisses und der Steven in natürlicher Größe von dem betreffenden Konstrukteur gegen ein billiges Entgelt.
| Länge über Alles | 5,10 m |
| Gr. Breite | 0,54 m |
| Deplacement bis CWL | 92 kg |
Baubesteck:
Außenhaut: Kiefer 4 mm dick, krawel in schmalen Planken aufzubringen, und mit Segeltuch zu beziehen.
Spanten: Esche, 9x5 in 100 mm Abstand, über Mallen zu dämpfen (Mallabstand = 300 mm).
Kiel: Esche 22x10,auf
Innenkante Spanten zu verschrauben. Von Steven zu Steven durchlaufend.
Steven: aus je zwei Stücken, dem Innensteven "A" von 23 mm Dicke und den äußeren Teil "B" von 20 rnrn Dicke. Beide Steven erhalten eine Messingschutzleiste, siehe Fig. 267.
Dollbaum: Kiefer 22x 10.
